Wenn Glaube nicht drückt, sondern trägt

Beim Dialogforum in Braunschweig ging es um Angst, Vertrauen und die Frage, wie Kirche Menschen begleiten kann – ehrlich, fachlich und seelsorgerlich. Das neunte Dialogforum der Neuapostolischen Kirche Nord- und Ostdeutschland stand am 11. Juli in Braunschweig unter dem Jahresmotto „Fürchte dich nicht, glaube nur!“. Mitglieder, Kirchenleitung und Fachleute tauschten sich vor Ort sowie über IPTV und YouTube über den Umgang mit Angst, Vertrauen und christlicher Begleitung aus. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie Glaube Menschen stärken kann, ohne zusätzlichen Druck zu erzeugen.

Auf dem Podium machten Ralf Vicariesmann, Elke Jann-Kluge, Wolfgang Adomeit und Jürgen Friedemann deutlich, dass der Zuspruch Jesu nicht als Leistungsforderung verstanden werden darf. Apostel Vicariesmann warnte vor einem Missverständnis des Jahresmottos: „Es geht nicht darum zu sagen: Wenn ich nur kräftig genug glaube, werde ich jede Krise überstehen.“ Stattdessen richte Christus den Blick auf seine Begleitung: „Ich bin in jeder Lebenssituation bei dir.“

Furcht, Sorge und Angst

Einen fachlichen Zugang eröffnete Psychologin Elke Jann-Kluge. Sie unterschied zwischen Furcht, Sorge und Angst und erklärte deren unterschiedliche Ursachen. Ihre prägnante Zusammenfassung wurde im Verlauf des Gesprächs immer wieder aufgegriffen: „Furcht ist etwas Konkretes im Moment. Sorge ist um etwas Positives, das ich schützen will. Und Angst ist etwas Negatives, was ich unbedingt vermeiden will.“ Die Gesprächspartner waren sich einig, dass ein sensibler Umgang mit diesen Begriffen auch für die Seelsorge wichtig ist.

Seelsorge und Therapie

Ein weiterer Schwerpunkt war das Verhältnis von Seelsorge und professioneller Hilfe. Wolfgang Adomeit betonte, dass Geistliche Menschen begleiten und stärken können, professionelle Therapie jedoch nicht ersetzen. Deutlich formulierte er: „Angst kann man nicht wegbeten. Angst kann man auch nicht wegglauben.“ Gleichzeitig wurde die Verantwortung der Kirche angesprochen, eigene Grenzen zu erkennen, Fehler einzugestehen und Menschen Raum für Aufarbeitung zu geben.

Freiwilligkeit und Verbindlichkeit

Breiten Raum nahm auch die Frage ein, wie Gemeinden Orte werden können, an denen Menschen ohne Angst und Druck Verantwortung übernehmen. Dabei ging es um Fehlerkultur, wertschätzende Kommunikation und die Bereitschaft, offen über Belastungen zu sprechen. Psychologin Elke Jann-Kluge brachte es auf den Punkt: „Es braucht die innere Erlaubnis, nicht perfekt zu sein.“ Kritik könne nur dann hilfreich sein, wenn sie nicht als Abwertung erlebt werde, sondern als Chance zur Entwicklung.

Kirche und Gesellschaft

Zum Abschluss richtete sich der Blick auf die Rolle der Kirche in einer von Krisen und Unsicherheiten geprägten Gesellschaft. Gemeinden und Gottesdienste können Orte sein, an denen Menschen Hoffnung, Gemeinschaft und Orientierung erfahren. Dabei wurde deutlich, dass christlicher Glaube die Realität des Lebens nicht ausblendet. „Wir brauchen keinen Wellness-Glauben“, sagte Apostel Vicariesmann. „Es muss ein Glaube sein, der mit unserer Lebensrealität zu tun hat.“

Das Dialogforum kann bei YouTube vollständig angesehen werden. Einzelne Ausschnitte veröffentlichen wir auf dem YouTube-Kanal der Gebietskirche.

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