Die Komponisten des Pop-Oratoriums im Gespräch (Teil 2)

(25.03.2013) Hamburg. Sigi Hänger und Christoph Oellig sind die Komponisten des Pop-Oratoriums „Ich bin – Jesus in Wort und Wundern“, dem größten musikalischen Projekt der Neuapostolischen Kirche in Deutschland. Im zweiten Teil des Interviews schildern sie ihren Eindruck vom Chor, geben Einblick in ihr Berufs- und Privatleben und sprechen über ihre Pläne nach den beiden Aufführungen im Juni 2013.

Sigi Hänger studierte Schulmusik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Seit 1998 betreibt er eine Musikschule in Lorch-Waldhausen und arbeitet seit 2010 zusätzlich als externer Berater für den Bischoff Verlag, Frankfurt am Main. Für die Neuapostolische Kirche ist Sigi Hänger als Priester tätig.

Christoph Oellig studierte Schulmusik sowie Jazz und Pop an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart. Er arbeitet als Musiklehrer in Wendlingen und ist er als Leiter und Klavierbegleiter von verschiedenen Projektchören und Schülerbands tätig. Daneben spielt er Schlagzeug in der Landes-Lehrer-Bigband Baden-Württemberg.

Das Pop-Oratorium wird in der Westfalenhalle Dortmund und in der o2 World Hamburg aufgeführt. Dort finden regelmäßig große Konzerte mit fünfstelligen Zuschauerzahlen statt. Was ist Ihre realistische Einschätzung: Wie viele Besucher reizt das Pop-Oratorium?

Christoph Oellig: Mehrere Tausend, schätze ich. Ob eine fünfstellige Besucherzahl erreicht werden kann, weiß ich nicht.

Sigi Hänger: Das weiß ich auch nicht. Aber ich bin sicher, dass das Interesse an zeitgemäßen biblischen Inhalten, kombiniert mit zeitgemäßer Musik, nicht klein ist. Das wird die Leute reizen – auch außerhalb der Neuapostolischen Kirche. Allein durch die vielen Akteure gibt es zahlreiche Multiplikatoren, die ihre Begeisterung in die Familien, Freundeskreise, Nachbarschaften und in die sozialen Netzwerke weitertragen werden. Insofern hoffe ich auf ein volles Haus – in Dortmund wie in Hamburg.

Unabhängig von der Zuschauerzahl: Wie groß ist Ihrer Meinung nach das Potenzial des Events in punkto öffentlicher Wirkung?

Sigi Hänger: Nun, ein Stück weit ist das Pop-Oratorium auch ein Imageprojekt für die Neuapostolische Kirche. Ein Imageprojekt insofern, dass wir mit dem Pop-Oratorium sagen: Wir sind eine moderne Kirche. Und wenn 1.800 Jugendliche Musik machen, begeistert christliche Inhalte singen, dann ist die Wirkung auf jeden Fall positiv. Wichtig ist uns aber vor allem, dass das Pop-Oratorium bei den Zuschauern langfristig nachwirkt. Schließlich streben wir keine reine Unterhaltung an. Nach der Aufführung soll für den Zuschauer nicht der Alltag normal weitergehen, sondern der Zuschauer soll von der Aufführung etwas in seinen Alltag mit hineinnehmen – eine Botschaft, ein Wort Jesu, das ihn langfristig begleitet. Wenn das geschieht, haben wir etwas ganz Wichtiges geschafft. Dann sind wir Verbreiter dieser Botschaft.

Vor zehn Jahren wäre ein Projekt wie das Pop-Oratorium undenkbar für die Neuapostolische Kirche gewesen. Wie nehmen Sie, Priester Hänger, die musikalische Entwicklung innerhalb der Kirche wahr?

Sigi Hänger: Ich liebe diese Entwicklung! Und ich probiere mein Bestes beizusteuern, dass diese Entwicklung sich evolutionär verhält. Evolutionär sage ich bewusst, denn ich möchte keine Revolution, sondern eine gesunde Weiterentwicklung.

Würden Sie sich eigentlich eher als Komponist oder als Instrumentalist bezeichnen?

Christoph Oellig: Hier beim Pop-Oratorium war uns die Personalunion wichtig, das heißt: Wenn wir dieses große Werk komponieren, wollen wir es auch unbedingt mit aufführen. Die Übergänge von Komposition und Musikmachen sind meistens sowieso fließend. So ist das bei mir jedenfalls, wenn ich im schulischen Rahmen tätig bin. Schreibe ich für die Schüler etwas, spiele ich es später am Klavier mit.

Sigi Hänger: So ist das bei mir auch. Wir sind keine reinen Komponisten, sondern kommen aus der Praxis und sind daher eher Pragmatiker mit Visionen. (lacht) Wir sind einfach auf beides scharf: auf das Komponieren und Musizieren.

Scharf sind auch die Sängerinnen und Sänger auf Ihre Musik – in den sozialen Netzwerken tauscht man sich schon über Lieblingsstücke aus. Haben Sie eigentlich auch ein Lieblingsstück?

Christoph Oellig: Es gibt mehrere Stücke, die aus unterschiedlichen Gründen toll sind. Ein Lieblingsstück habe ich offiziell noch nicht, aber ich kann sagen, dass ich mich zum Beispiel sehr auf „Feuer“ freue, das drittletzte Stück des Pop-Oratoriums. Die Nummer wird echt cool.

Sigi Hänger: Ich freue mich auf das Stück, das die „Ich bin“-Worte zusammenfasst. Vielleicht auch deswegen, weil die Entstehung des Stücks so schön war, sodass ich gerne daran zurückdenke: Meine Familie und ich waren im Urlaub. Und in diesem Urlaub habe ich – zeitweise – am Schreibtisch des Hotels mit Blick auf den Atlantik gearbeitet. Es war wunderschön: weißer Sand, türkis-farbenes Meer, postkartenreif! Bei diesem Anblick habe ich die Zusammenfassung komponiert. Wann immer ich also dieses Stück höre, sehe ich den Atlantik. Und ich sehe diesen Atlantik nicht als Meer, sondern ich sehe ihn stellvertretend für etwas Großes, stellvertretend für die Größe der Worte Jesu.

Gibt es auch Passagen im Pop-Oratorium, die Sie mittlerweile kritisch sehen, die Ihnen nicht mehr so gefallen? Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie noch einmal neu beginnen müssten?

Christoph Oellig: Ich bin mit allem eigentlich ganz glücklich.

Sigi Hänger: Und ich hätte gerne mehr Zeit für alles gehabt – aber das ist ein Lebenswunsch von mir. (lacht) Was die Musik angeht: Hier werden wir wohl erst nach den beiden Aufführungen merken, was aus praktischen Gründen, Verständlichkeitsgründen oder versteuerungstechnischen Gründen anders oder besser zu komponieren oder arrangieren gewesen wäre. Davon abgesehen haben wir nicht das Gefühl, das irgendetwas anders sein müsste. Schließlich haben wir uns im ganzen Kompositionsprozess von Gott begleitet gefühlt.

Wenn Sie von Gott begleitet und inspiriert werden, wie sieht es dann mit dem Feinschliff eines einzelnen Stückes aus? Findet Feinarbeit überhaupt statt oder nehmen Sie im Nachhinein gar keine Änderungen vor?

Sigi Hänger: Nein, geändert wird eigentlich nichts, da trauen wir uns nicht mehr dran. Mal muss ein Ton etwas länger oder kürzer werden, aber das war es dann auch. Im Prinzip bleiben einzelne, inspirierte Stücke so bestehen wie sie uns durch die Impulse in den Sinn gekommen sind.

Und dabei herrscht – bei zwei charakterstarken Künstlern kaum vorstellbar – immer Einigkeit? Waren Sie sich zum Beispiel über die finale Version des Pop-Oratoriums einig? Oder wollte der Eine noch weiter arbeiten, als der Andere den Stift schon beiseite gelegt hatte?

Christoph Oellig: Also, uns einig zu werden, damit hatten wir zum Glück noch nie Probleme.

Sigi Hänger: Richtig, so war das auch bei der gemeinsamen Arbeit am Pop-Oratorium. Wir haben unsere jeweiligen Arbeitsstände digital abgelegt und der andere konnte ohne große Absprache daran weiterarbeiten. Natürlich haben wir unsere eigenen Vorlieben und sind in unterschiedlichen Musik-Stilen zuhause, aber gerade deshalb ergänzen wir uns so prima. Man kann sagen, der eine bereichert den anderen. Wann man dann fertig wird, ist eine andere Sache. Was das Pop-Oratorium angeht, so ist der eigentliche Kompositionsprozess im Juli 2012 abgeschlossen gewesen, mit dem fertigen Klavierauszug. Kurz vor Weihnachten 2012 durften wir dann nach Fertigstellung der Orchestrierung den Stift ganz beiseite legen – und Gott ein großes Dankeschön sagen.

Nun bleibt das Werk ja nicht allein in Ihren Händen. Damit die Aufführungen toll werden, müssen Sie vielen weiteren Leuten vertrauen. Eine Schlüsselrolle nimmt Gerrit Junge ein, musikalischer Leiter des Pop-Oratoriums. Wie gefällt Ihnen seine Arbeit?

Christoph Oellig: Die Zusammenarbeit mit Gerrit ist super. Er kann uns gut helfen, weil er wichtige Erfahrungen mit stark besetzten Chören gemacht hat. Gerrit weiß einfach, wie es klingt, wenn Tausend Sänger forte oder piano singen. Und er weiß, an welchen Stellschrauben zu drehen ist.

Sigi Hänger: Gerrit wird rausholen, was rauszuholen ist. Seine Interpretation ist eine Bereicherung – auch wenn er das Eine und Andere anders macht als wir es uns ursprünglich vorgestellt haben. Wir sind absolut überzeugt von Gerrit, haben vollstes Vertrauen und keinen Zweifel daran, dass das Pop-Oratorium richtig gut wird mit ihm.

Zum Europa-Jugendtag der Neuapostolischen Kirche 2009 hat ein Chor aus knapp 1.000 Sängerinnen und Sängern „Come to my Jesus“ gesungen – einen Song, an dem Sie beide gearbeitet haben. Welche Parallelen sehen Sie zum Rahmen, zur Aufführung und Besetzung des Pop-Oratoriums?

Christoph Oellig: Die größte Parallele ist meines Erachtens die Begeisterung der teilnehmenden und singenden Jugendlichen. Das ist unglaublich! Das beflügelt mich auch beim Komponieren. Denn ich weiß, am Ende stehen da Leute, die freudig und dankbar mitmachen. Und dann bin ich wiederum dankbar, dass ich überhaupt komponieren darf.

Sigi Hänger: Ich kann das nur unterstrichen. Die Begeisterungsfähigkeit der Jugendlichen ist der Grund, weswegen ich mich wie ein kleines Kind auf jede Probe freue.

Christoph Oellig: Ja, das ist ein schönes Wechselspiel. Wenn du Musik machst, schenkst du den Leuten etwas; die Leute freuen sich und die Freude kehrt zu dir zurück. Dann kriegst du also auch etwas geschenkt. Insofern haben Musiker jeden Tag Weihnachten. (lacht)

Zurück zum Jugendtags-Vergleich: Zum guten Gelingen des Europa-Jugendtages 2009 haben die Kirchenpräsidenten und Bezirksapostel Armin Brinkmann aus Nordrhein-Westfalen und Rüdiger Krause aus Norddeutschland einen großen Beitrag geleistet. Nun machen die Bezirksapostel erneut ein Großprojekt der Neuapostolischen Kirche möglich. Konnten Sie sie schon kennenlernen? Wenn ja, wie ist Ihr Eindruck?

Sigi Hänger: Direkten Kontakt hatten und haben wir zu Bezirksapostel Krause. Mein Eindruck: Ich bin überwältigt, wie viel Vertrauen er uns entgegen gebracht hat. Dieses Vertrauen wollen wir natürlich nicht enttäuschen – wobei der Anspruch natürlich nicht klein ist. Ich weiß noch, wie Bezirksapostel Krause sagte: „Ihr braucht gar nicht viel machen, außer, dass alle, die mitmachen, es noch ihren Enkeln erzählen wollen.“ (lacht)

Christoph Oellig: Daran erinnere ich mich auch. Und wenn ich den Eindruck, den Herr Krause auf mich gemacht hat, noch um zwei Worte ergänzen darf: Total klasse! Er ist übrigens der erste Bezirksapostel, den ich kennengelernt habe.

Ebenfalls „total klasse“ scheint das Verhältnis zwischen Ihnen beiden zu sein. Sie kennen sich seit vielen Jahren, sind gute Freunde und arbeiten erfolgreich zusammen. Gibt es ein Erfolgsrezept?

Sigi Hänger: Das ist unsere Freundschaft und – im christlichen Sinne – die Liebe zueinander...

Christoph Oellig: ...mit allen guten Eigenschaften, die dazu gehören, vor allem aber gegenseitige Wertschätzung und tiefer Respekt.

Ein weiterer privater Aspekt: Sie sind beide verheiratet. Priester Hänger, Sie haben vier Kinder, Herr Oellig, Sie haben drei. Wie viel Zeit bleibt neben all der Arbeit für Ihre Familien?

Christoph Oellig: Naja, die eigentliche Kompositionsarbeit fing meistens erst ab 22 Uhr an, wenn für unsere Familien größtenteils Schlafenszeit war. Aber in den Osterferien, wo wir den ganzen Tag komponiert haben, dachten unsere Familien wahrscheinlich, wir wären ausgezogen, umgezogen oder zumindest mental verreist.

Sigi Hänger: Das kann ich bestätigen. Insofern möchte ich an dieser Stelle ganz ausdrücklich großen Dank an meine Frau und Kinder ausrichten. (Christoph Oellig stimmt zu, Anm. d. Red.) Denn wenn wir ehrlich sind: Wir haben das Pop-Oratorium auf Kosten unserer Familien geschrieben.

Das heißt?

Sigi Hänger: Ohne sie und ihre Bereitschaft zum Verzicht wäre uns die Komposition nicht möglich gewesen. Und wenn für unsere Kinder wichtige Sachen anstanden, sei es Konfirmation oder Abitur, haben uns unsere Frauen erheblich entlastet – sie waren einfach immer zur Stelle. Großes Danke! Das Pop-Oratorium wird zwar zur Ehre Gottes aufgeführt, das steht außer Frage, aber zu einem angemessenen Teil widme ich es auch – wenn ich das sagen darf – meiner Frau. Auf der anderen Seite haben wir auch versucht, unsere Frauen und Kinder miteinzubeziehen. Sie waren zum Beispiel immer die ersten Feedback-Geber.

Christoph Oellig: Meine Frau hat sich dann und wann ebenfalls eingeschaltet – und nicht nur geschmäcklerisch, sondern durchaus fachlich. Sie ist Sängerin, Sopranistin, und konnte uns wertvolle Hinweise geben, wenn es um Textverteilung, Melodiebögen oder dergleichen ging. Sie wird übrigens auch bei den beiden Aufführungen mitsingen.

Was sind Ihre Pläne, wenn am 15. Juni 2013 die zweite Aufführung des Pop-Oratoriums vorbei ist? Liegen Ihnen schon weitere Aufträge der Neuapostolischen Kirche vor?

Sigi Hänger: Nein, doch für weitere Angebote und Projekte sind wir immer offen. Man muss als Auftraggeber nur damit rechnen, dass wir mitspielen wollen. (lacht)

Christoph Oellig: Genau. Aber ehrlich gesagt: An die Zeit nach dem 15. Juni denke ich momentan gar nicht. Ich bin mir aber sicher, dass ich dann glücklich und zufrieden sein werde.

Abschließend: Mit welchem musikalischen Projekt würde Ihr größter Traum in Erfüllung gehen?

Sigi Hänger: Mein Traum wäre, das Pop-Oratorium in Südafrika aufzuführen.

Christoph Oellig: Ja, überhaupt das Pop-Oratorium in singbarem Englisch – das wäre toll!

Sigi Hänger: Aber abgesehen davon ist es schwierig, einen anderen großen Traum zu träumen. Man hat zwar so seine Visionen, doch ich frage mich: Was soll noch größer und besser werden? Und welcher Inhalt sollte wichtiger sein als Jesus Christus?

 

Mehr Informationen zum Pop-Oratorium gibt es auf der offiziellen Internetseite: www.wort-und-wunder.de Tickets für die Aufführung am 15. Juni 2013 in Hamburg können unter http://www.de-vico.de/apps/nak/kartenverkauf/index.php/pop-oratorium.html bestellt werden.

Interview und Fotos: Björn Renz

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